Über Geld             

Was Geld ist, darüber zerbrachen sich Menschen mit Geist schon früher den Kopf. Einer davon war Kurt Tucholsky, ein Journalist, Satiriker, Lyriker und Liedtexter, Kabarett- und Romanautor sowie Kunst- und Gesellschaftskritiker, der auch unter den Namen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel schrieb. Als "Kaspar Hauser" veröffentlichte er am 15.09.1931 in der "Weltbühne" einen Aufsatz mit dem Titel "Kurzer Abriß der Nationalökonomie". Die darin enthaltenen An- und Einsichten waren und sind im Vergleich zu den gewöhnlichen wirtschaftswissenschaftlichen Schwarten erfrischend prägnant und natürlich durfte auch eine Bemerkung über Geld bei diesem Thema nicht fehlen. Ich zitiere in voller Länge:

"Die Grundlage aller Nationalökonomie ist das sog. ›Geld‹.
Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da. Das im Umlauf befindliche Papiergeld ist durch den Staat garantiert; dieses vollzieht sich derart, dass jeder Papiergeldbesitzer zur Reichsbank gehn und dort für sein Papier Gold einfordern kann. Das kann er. Die obern Staatsbankbeamten sind gesetzlich verpflichtet, Goldplomben zu tragen, die für das Papiergeld haften. Dieses nennt man Golddeckung."

Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass es sich hier um jede Menge Schnee von gestern handelt, über den die moderne Wirklichkeit längst hinwegschritt. So gibt es zum Beispiel seit Kriegsende keine Reichsbank mehr, weshalb sich die Frage erübrigt, ob ein deutscher Papiergeldbesitzer heute noch zu dieser gehen kann, um für sein Papiergeld Gold einzufordern. Die Restbestände an Gold, die die Reichsbank nach dem Sieg der Alliierten noch hatte, wurden im Übrigen von den Befreiern des deutschen Volkes eingezogen, und ob die Nachfolgeorganisation der ehemaligen Reichsbank, die heutige Bundesbank, über das Gold, das das "deutsche Volk" in den Jahrzehnten seit Adenauer ein zweites Mal sich erarbeitete, heute überhaupt noch verfügt, bzw. verfügen darf, bzw. verfügen kann, darüber streiten sich die Geister. Jedenfalls taucht in den Bundesbankbilanzen seit vielen Jahren nur noch ein Sammelposten auf, der statt der Gewichtsangabe des tatsächlich vorhandenen Goldbestands lediglich die Summe aus zwei nicht miteinander identischen und in ihrer Einzelgröße verschwiegenen Positionen ausweist: dem Goldvermögen, welches in physischer Form tatsächlich greifbar ist, und den bloßen "Goldforderungen" (sprich: Ausleihungen des eigenen Goldes an nicht näher bekannte Dritte). Eine solche Bilanzierungspraxis riecht selbstredend verdächtig nach Schmuh und im gewöhnlichen Geschäftsverkehr ist ein derartiges Vernebeln im Übrigem aus gutem Grund nicht zulässig, d. h. strafbar. Das was an "deutschem" (dem deutschen Volk "gehörenden") Gold in realer Form tatsächlich noch vorhanden ist (also nicht bloß als "Goldforderung" existiert, deren Einlösbarkeit gegen nicht näher bezeichnete Dritte in den Sternen steht), soll – laut allgemeiner Auffassung – darüber hinaus dafür aber ganz sicher verwahrt sein, neben geringeren Mengen in London und in Paris und einer weiteren geringen Menge sogar in Frankfurt zum allergrößten Teil bei der US-amerikanischen FED; und wer möchte bestreiten, dass die im Eigentum von Privatbanken stehende US-amerikanische "FED" der sicherste Ort der Welt ist? Sicherer ganz gewiss als die Aufbewahrung des nationalen Goldschatzes im eigenen Land, wo man sich all der Gauner, Plünderer, Diebe und Betrüger kaum erwehren könnte ... Wohl deshalb verkneift sich der deutsche Staat seit jeher auch nur das leiseste Gedankenspiel, an die US-Amerikaner (und Briten und Franzosen) heranzutreten und um Auslieferung zu bitten. Auch nachdem der Kalte Krieg in Europa, die ehemalige offizielle Begründung für das Deposit auch des neu erarbeiteten deutschen Goldes bei den westlichen Alliierten, seit über 20 Jahren Geschichte ist. Doch was soll's? Anders als zu Kurt Tucholskys Zeiten würde sich für den normalsterblichen deutschen Papiergeldbesitzer ohnehin selbst dann nichts ändern, verwahrte "man" das "deutsche Gold" in Deutschland und nicht im westlichen Ausland und bestünde es nicht zu einem unbekannten Teil ohnehin bloß in fragwürdigen "Goldforderungen" an nicht näher bezeichnete Dritte: Denn der heutige deutsche Papiergeldbesitzer hat kein Recht mehr, sein Papiergeld bei einer staatlichen Notenbank in eine gesetzlich fixierte Menge Gold einzutauschen. Was er tauschen darf, ist Papier gegen Papier, eine offenkundig sinnlose Anstrengung. Anders als zu Tucholskys Zeiten sind die "obern Staatsbankbeamten" darum auch schon lange nicht mehr gesetzlich dazu verpflichtet, "Goldplomben zu tragen, die für das Papiergeld haften". Moderne Staatsbankbeamte, seien sie bei der Bundesbank oder der EZB, tragen wie ihre Kollegen in allen anderen Herren Länder künstliche, klinisch saubere und auf technologisch höchstem Niveau hergestellte, garantiert goldstaubfreie Implantate im Gebiss, welche ebenso "garantiert" wie sicher haften, selbst beim strahlendsten Lächeln, das um Vertrauen wirbt. Denn dieses – das Vertrauen des einfachen Bürgers – ist die moderne, die einzige und entscheidende Deckung des heutigen Geldes, welches sich zwar immer noch Papiergeld schimpft, in Wahrheit jedoch in den Gelddruckereien aus Baumwollfasern hergestellt wird.

Sicherheit gilt den Herren des Geldes schließlich als wichtiges Gut, was sich auch darin zeigt, dass allein sie entscheiden, wieviel Geldmengen sie tagtäglich neu den bereits vorhandenen Geldmengen hinzufügen; wer es wagt, ohne staatliche Erlaubnis es den Herren des Geldes gleich zu tun und damit gegen das von oben verordnete Monopol des Rechts auf Geldschöpfung verstößt, wird als Hersteller von Falschgeld verfolgt und bestraft. "Blüten", wie die Produkte jener kriminellen Möchtegern-Geld-Herren im Volksmund liebevoll genannt werden, mögen sich in in ihrer bloßen Stofflichkeit kaum und dem Augenschein nach vielleicht überhaupt nicht von staatlich "echtem" Geld unterscheiden, sind aber gesetzlich verbotene Mittel der Bereicherung. Wo es eine Bereicherung gibt, liegt eine Entreicherung auf der anderen Seite nahe. Diese Entreicherung trifft jene, die über Geld verfügen und deren Geld an Kaufkraft verliert, wann immer neues Geld geschaffen wird, welches neben das alte, sprich: in Konkurrenz zu diesem tritt – ununterscheidbar und mit exakt demselben Anspruch auf die vorhandene, nicht durch diese Art von Geldschaffung gewachsene Gütermenge, die über das Geld käuflich ist. Das Recht auf eine derartige Bereicherung ohne Leistung, das Recht auf die Entreicherung aller anderen durch eben diesen tagtäglich praktizierbaren und täglich praktizierten Schöpfungsakt behalten sich die Herren des Geldes für sich selbst vor. Und nur wenige Kritiker erdreisten sich, jenes Monopolgeld, welches zu Tucholskys Zeiten noch mit den Goldplomben der obern Staatsbankbeamten "gedeckt" war und heute nicht einmal mehr damit, selber als staatlich legtimiertes Falschgeld zu verunglimpfen.

Warum "Falschgeld"? So mögen manche unter Ihnen, liebe Leser, fragen. Ist denn der bloße Glaube an die Werthaltigkeit des Geldes ohne Wert? Vor allem, wenn er funktioniert, sich alle an die Spielregel halten und so tun, als habe der Schein in der Brieftasche und die Zahlenkolonne auf dem Konto in sich einen Wert. Nun, dann überlegen Sie bitte, wie oft Spielregeln gebrochen werden. Ein Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Betrachten Sie allein die Geldgeschichte Deutschlands im letzten Jahrhundert. Wieviele Währungen gab es, wie viele wurden inflationiert und ruiniert. Sobald sich der Glaube an das Geld ohne inneren Wert zu irgendem Zeitpunkt für den Glaubenden (Gläubiger) als Illusion herausstellt, dann ist dieser Glaube exakt zu diesem Zeitpunkt wie eine Seifenblase zerplatzt. Was über eine lange Zeit als werthaltig erschien (wenn auch vielleicht – ersichtlich an den steigenden Preisen – mit abnehmenden Wert pro Geldeinheit), ist dann ab sofort auf einmal und unwiderruflich vollends wertlos. Und beweist auf eine brutale, ernüchternde Weise jedem Glaubensgeldbesitzer, dass er einem Trugbild aufgesessen ist, das anderen, ihm, den Besitzer von Glaubensgeld, aber nicht zum Vorteil gereichte.

Aber wofür steht dann das Geld, wenn es weder in sich werthaltig ist noch mit irgendwelchen Werten, für die es als Papier- oder Baumwollfasergeld ja stellvertretend zirkulieren könnte und zu früheren Zeiten eben dies auch tatsächlich tat, gedeckt ist? Worin also besteht der Zeugungsakt des heutigen Geldes, welches nur noch in einem sehr geringen Umfang als Geldschein in den Brieftaschen der Menschen existiert, in einem unvergleichlich größerem Umfang dagegen als bloßes elektronisches Buchgeld auf den Konten der Banken? Die erste, allgemeinste Antwort darauf lautet: durch die Aufnahme von Kredit, teils bei den Notenbanken durch die Geschäftsbanken, teils bei den Geschäftsbanken durch deren Kundschaft (Private, Wirtschaft, Staaten). Was Banken heutzutage an Geld verleihen, ist nur im geringsten, verschwindend geringen Umfang bereits existentes Geld, welches Sparer den Banken ihrerseits als Kredit auf Sparbücher, Terminkonten oder in Form von Anleihen verzinslich überlassen und welches im Übrigen auch nur zu einem früherem Zeitpunkt per Kredit von irgendeinem Schuldner aufgenommenes und seit diesem Zeitpunkt im Verkehr der Zahlungsgeber und -empfänger zirkulierendes Geld ist. Alles Geld, das darüber hinaus verliehen wird (und die Schulden steigen ja weltweit rasant über die letzten Jahre und Jahrzehnte), von den Zentralbanken an die Geschäftsbanken, von den Geschäftsbanken an andere Geschäftsbanken, an die Staaten, an Unternehmen und auch an die Privaten, entsteht in dem Moment, in dem ein beantragter Kredit bewilligt wird. Mit dem Akt der Bewilligung ist das Geld in der Welt. Durch eine Unterschrift, durch einen Tastendruck auf einem Computer. Schon ist mehr Geld in der Welt als einen Sekundenbruchteil davor. Und das weltweit und in jedem Moment. Und jedes neu erzeugte Geld ist ununterscheidbar vom alten, so gut wie das alte, mit ununterscheidbarer Kaufkraft gegenüber allen verfügbaren Gütern und Dienstleistungen dieser Welt. Das Geld in unseren Zeiten ist, um es in einem Wort zu sagen, ausnahmslos Schuldgeld, ein auf Kredit basierendes Geld, welches von jenen, die es erzeugen, erzeugt wird, nicht weil sie die Menschheit damit beglücken wollen, sondern weil sie das Geld, das sie per Kreditvergabe "wie aus dem Nichts" erzeugen, mit der Forderung verleihen, dass es verzinslich zurückzuzahlen ist. Und gedeckt ist dieses Geld nur durch das Versprechen des Schuldners, das Geld verzinst zu einem späteren Zeitpunkt zurückzahlen (was sich, beispielsweise auf Staatenebene, so darstellt, dass die zu zahlenden Zinsen und die fällig werdenden Kredite durch Aufnahme neuer Kredite "bezahlt" werden, der Schuldenturm also wächst).

Der verstorbene Roland Baader, auf dessen Schriften ich auf der Seite "Buchempfehlungen" verweise, fasste die Antwort auf eine der Fragen, die sich hier zwangsläufig stellen, sinngemäß einmal so zusammen:

Und warum schafft man dann das betrügerische Scheingeld nicht wenigstens heute ab?
Weil alle Leute das «easy money», das aus dem Nichts beliebig beschaffbare Schuldengeld lieben.
· Die Politiker lieben es, weil man mit ihm still und leise auf Kosten aller Bürger Macht kaufen kann;
· die Banker lieben es, weil sie mit ihm Ozeane aus Kredit schaffen und verzinslich verkaufen können, die es in Wahrheit gar nicht gibt;
· die Schuldner wollen es, weil die mit ihm erzeugte Preisinflation ihre Schulden entwertet;
· die Anleger lieben es, weil es ihre Vermögenswerte aufbläst;
· und die Geschäftsleute lieben es, weil sie Kunden wollen, die mit Geld um sich werfen.
· Alle Leute wollen das «leichte Geld». Bis zum jeweils bitteren Ende.
(Quelle: Roland Baader)

Um in meinen einleitenden Bemerkungen zu einem Ende zu kommen, sei mir noch ein kleiner Hinweis auf die gegenwärtige Finanzkrise in und außerhalb Europas erlaubt: "Schuld" an dieser Krise haben, vergegenwärtigt man sich Obiges, folglich weder die Banker noch die Spekulanten, so gerne sie zu ihrem Vorteil das "System" be- und ausnutzen; "Schuld" haben die Verursacher / Verantwortlichen unseres Finanz- und Geldsystems: Die Staaten, die kein freies Geld in einem freien Markt zulassen, sondern durch ihre Hoheitsgewalt legales Falschgeld ohne Deckung den Bürgern aufzwingen. Falls es ihnen demnächst um die Ohren fliegen sollte, werden es all jene ausbaden, die sich in ihrer Hoheitsgewalt befinden.

Wenn Sie nun meinen, dass mein Geschreibe keine moderne Ökonomie ist, dann muss ich Ihnen zustimmen. Der Finanzjournalist Bill Bonner sagte einmal: "Mathematik ist wichtig für moderne Ökonomen. Es lässt alles wie eine Wissenschaft aussehen." Ich dagegen war und bin immer nur im Kopfrechnen gut.