Über Literatur             

Ich will Sie nicht mit Lobeshymnen auf die Schätze langweilen, auf die jemand stoßen kann, der einen Teil seines Lebens dem Abenteuer des Lesens widmet. Sondern mich mit einigen Anmerkungen begnügen, die weniger Aussagen über Literatur selbst denn über meine Beziehung zu ihr sind. Und da fällt mir zuallererst ein, dass Bücher, auch wenn sie formell betrachtet überwiegend nur aus mit Buchstaben bedrucktem Papier bestehen, mir seit meiner Kindheit ein Zugang zur Welt sind. Nicht der einzige, doch ein unentbehrlicher! Zweitens wurde mir schon früh klar, dass es in einer Hinsicht völlig unerheblich ist, ob ich ein Exemplar der wissenschaftlichen und anderen Sachliteratur vor mir habe oder eines der gemeinhin als schöngeistig klassifizierten. Ich fand noch in jeder Gattung Schund – gleichwohl aber in jeder auch das Gegenteil, eben das, was ich suche und mir erhoffe, wenn ich mich zurückziehe, um in die Welt eines Buches einzutauchen: Genuss und Erweiterung meines geistigen Horizonts – und dies beides in einem. Nichts anderes drückt nach meinem Empfinden auch das aus, was als Begriff und Redewendung heute vielleicht etwas überholt erscheinen mag, als allgemeines, Menschen verbindendes Gefühl aber nicht totzukriegen ist: die Sehnsucht nach dem Wahren und Schönen. Auch und gerade manches Buch kann ein Stückchen dieser Sehnsucht befriedigen, zumindest zeitweise und als mehr oder weniger gelungene Annäherung. Die bereits erwähnte Trennungslinie zwischen den Wegen – hier dem Weg des scheinbar rationalen, realitätsbezogenen Sachverstands, der sich um die Lösung eines Problems, um die gedankliche Klärung eines Gegenstands, um die Widerlegung oder Ergänzung anerkannten Wissens, kurz: um den Fortschritt menschlicher Erkenntnis bemüht, dort dem formal so ganz anders gearteten Weg der mittels Romanen, Dramen, Geschichten, Liedern und Gedichten um eine vollendete Form ringenden imaginären, künstlerischen Vorstellungs- und Gestaltungskraft – diese Trennungslinie ist in meinen Augen weniger eindeutig als behauptet. Als Beleg möchte ich an Goethe, mit ihm an eine der Größen der deutschsprachigen Kultur erinnern, der – keineswegs als einziger, aber eben auf herausragende Weise – in seiner Person so vieles vermeintlich Heterogene vereinte: die Existenz als Dichter, Wissenschaftler, Beamter, Staatsmann. Ob seine dramatischen, epischen und lyrischen Arbeiten, ob seine ästhetischen und autobiographischen Schriften, ob seine Forschungen auf verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten – welche seiner Leistungen wäre minderer als die andere, welche nicht demselben Anliegen gehorchend? Welche weniger wahr, weniger schön?

Freilich: Sie könnten das alles für blanken Quatsch halten, zum Beispiel dagegenhalten, dass inzwischen schon fast jedes Kind weiß, dass es ein sicheres Wissen im absoluten Sinne doch gar nicht gibt, all unsere sogenannten Wahrheiten – wie ebenso unsere Vorstellungen von Schönem – immer nur subjektiv, also relative sein können. Und darauf hinweisen, dass derlei hochtrabendes und schwülstiges Gerede wie das meine nur ein ganz billiger Aufguss jener ganz fürchterlich idealistischen Irrtümer unserer Altvorderen sei, welcher Ihnen persönlich unerträglich und zum Glück spätestens zu Zeiten Ihrer Reifeprüfung letztmals unter die Augen gekommen sei. Nun, sollte dem so sein, hätten Sie durchaus mein Verständnis. Würde Sie dann aber bitten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten, und Sie daran erinnern, weiter oben nicht von ungefähr auch nur von Versuchen der „Annäherung“ geschrieben zu haben und einer nicht völlig totzukriegenden Sehnsucht… trotz und bei aller Skepsis. Und nicht verkneifen könnte ich mir dann die Bemerkung, dass gerade ein moderner Skeptiker wie Sie folglich jedenfalls meine andere obige Behauptung bestätigen müsste, dass die Trennungslinie zwischen fiktionaler und rationaler Literatur weniger scharf sei als meist unterstellt.

Zu eben diesem Thema gibt es im Übrigen eine ebenso schöne wie treffende Passage in „Die Rückkehr der Zeitmaschine“ von Egon Friedell, mit der dieser dem englischen Verfasser der „Zeitmaschine“, H. G. Wells, eine ironische Hommage lieferte. Friedell lässt seine Phantastische Novelle mit einem fiktiven Briefwechsel beginnen, in dem er als Österreicher Friedell einem anderen Engländer u. a. auseinandersetzt, warum es keine Beleidigung sei, in Mr. Wells einen Dichter und nicht einen Wissenschaftler vermutet zu haben:

„Mr. Wells tut nämlich sehr unrecht, wenn er meine irrtümliche Vermutung, er sei ein Dichter, als grobe Beleidigung empfindet. Zu einer Beleidigung gehört doch die Absicht, und diese war ganz offensichtlich nicht vorhanden. Zudem gilt das hierzulande gar nicht als Ehrenkränkung.
Nun, die Philosophie des Pragmatism, die der Amerikaner William James begründet hat, ist der Ansicht: unser gesamtes Weltbild ist eine Konvention, die sich durchgesetzt hat, weil sie nützlich ist, eine ‚praktische Fiktion‘; und der große französische Mathematiker Henri Poincaré sagt in seinem Buch La valeur de la science, auch das System der Mathematik sei nur eine Konvention, es sei weder wahr noch falsch, es sei bequem; wir haben die euklidische Geometrie akzeptiert, nicht weil sie richtiger, sondern weil sie für uns wichtiger ist als die nichteuklidische. Wenn also sogar Linien, Flächen und Würfel Fiktionen sind, so brauchte Mr. Wells sich in seiner wissenschaftlichen Ehre nicht gar so gekränkt zu fühlen, weil ich auch ihm einige zutraute. Wenn Mr. Wells behauptet, ich hätte ihn, als ich ihm Phantasie zuschrieb, mit seiner Köchin verwechselt, so irrt er sich: seine Köchin hat eben die Phantasie einer Köchin, und er hat die Phantasie eines Wells…“

Zurück zu mir, soviel Anmaßung muss sein: Ich einverleibe mir nicht nur gutes und erhellendes Gedankengut anderer, welches diese vor wenigen Jahren oder vielen Jahrhunderten einmal für sich und andere niederschrieben – mitunter drücke ich mich gerne auch selber aus. Und das nicht nur in gelegentlichen 'bösen' Briefen an Behörden oder private Widersacher. Vielmehr schreibe ich mit zeitlichen Unterbrechungen auch 'ambitionierter' (damit hoffentlich auch Zeit überdauernder), insbesondere auch Gedichte und Geschichten. Was davon auf dem Markt erhältlich ist, können Sie auf den folgenden Seiten dieser Rubrik erfahren. Es ist – gemessen an meinen Lebensjahren – nicht viel, aber viele Jahre fehlte mir wohl der Ehrgeiz, mich um die Vermarktung all dessen zu kümmern, was an Unveröffentlichtem sich im Laufe der Zeit bei mir angesammelt hat und nicht immer so ganz schlecht ist. Aber warum schreibe ich dann überhaupt und auch weiterhin und inzwischen mehr als noch vor kurzem? Weil mich ein Bedürfnis treibt. Und zweitens, weil ich es an mir erlebe, dass bestimmte Gefühle, Stimmungen und Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken erst im fertigen, in ihrem möglichst vollkommen vollendeten Ausdruck mir wirklich präsent sind, ich mir ihres Inhalts und ihrer Tiefe gewiss bin. Es der schriftlich niedergelegten Durchdringung bedarf, manch nur vage Vorhandenes Gestalt werden zu lassen.