Buchempfehlungen             

Herbert Rosendorfer, Briefe in die chinesische Vergangenheit, dtv

Ein Mandarin aus dem China des 10. Jahrhunderts katapultiert sich mit Hilfe eines "Zeit-Reise-Kompasses" nicht nur 1000 Jahre in Zukunft, sondern landet, ohne dies zunächst auch nur zu ahnen, zugleich auch in einen völlig anderen Kulturkreis. Der Name des Ortes, in dem er sich wiederfindet, klingt in seinen Ohren wie Min-chen, gelegen in Ba Yan. In Briefen an seinen Freund im Reich der Mitte schildert der gebildete und wißbegierige Chinese seine Erlebnisse und Eindrücke in der bayerischen Landeshauptstadt, erzählt vom seltsamen Leben der "Großnasen", von ihren kulturellen und technischen Errungenschaften und versucht, Beobachtungen und Vorgänge zu interpretieren, die ihm zunächst unverständlich sind. Rosendorfer skizziert durch die Augen seiner Hauptfigur dabei nicht nur unsere Zivilisation einschließlich ihrer Kunst und Kultur, sondern es gelingt ihm auch, philosophische Aspekte unseres Lebens herauszuarbeiten, die man in deutschen Romanen, die unsere Gegenwart zum Inhalt haben, sonst nicht findet. Klänge es nicht so abgedroschen und nach den sattsam bekannten Floskeln von Kulturredakteuren und Werbetextern, könnte ich sagen: Rosendorfers Roman ist ebenso geistreich wie amüsant. In diesem Fall stimmt's.
 

Patrick Süskind, Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders, Diogenes

Nach langer Zeit erneut gelesen. Und genossen. Sobald ich mehr Zeit habe, die obligatorische Begründung, warum ich Süskinds Buch gerne gelesen habe.
 

Marlen Haushofer, Die Wand, List

Erstmals gelesen, aber ansonsten gilt dasselbe wie bei Süskind. Von Anfang bis Ende gerne gelesen. Haushofers Buch entstand lange Zeit vor Stephen Kings 'Under the Dome'...
 

Friedrich Christian Delius, Mein Jahr als Mörder, Rowohlt
 

Alle Romane von F. C. Delius, die ich bisher las, kann ich zum Lesen empfehlen, bieten sie doch gleichermaßen Erkenntnisgewinn wie Unterhaltung. Von daher ist es reine Willkür, wenn ich mit dem Roman Mein Jahr als Mörder nur eines seiner Bücher hier gesondert erwähne und dessen Inhalt kurz skizziere:

Ein junger Student hört 1968 im Radio, dass der Nazi-Richter R. endgültig freigesprochen wurde. Dieser Freispruch ist für ihn auch eine persönliche Angelegenheit, denn R. hatte auch den Vater seines Freundes zum Tode verurteilt. Spontan beschließt er, ein Zeichen zu setzen und den Nazi-Richter umzubringen. Er begeht diese Tat nicht, vertieft sich aber immer mehr in die Geschichte des unter dem Fallbeil gestorbenen Vaters, Georg Groscurth. Dieser gehörte einer kleinen Widerstandsgruppe an, in der auch der später überzeugte DDR-Anhänger und noch später DDR-Kritiker Robert Havemann mitarbeitete. Außerdem steigt er in die empörende Geschichte der Witwe Groscurth ein, die nach 1945 zwischen alle Fronten des Kalten Krieges geriet und von der bundesdeutschen Justiz fertiggemacht wurde. Delius verbindet in diesem Roman Fiktion und drei Ebenen der Zeitgeschichte, nämlich Nazizeit, Nachkriegszeit und die Zeit der sog. 68er.
 

John von Düffel, Hotel Angst, DuMont
 

Der Protagonist der Erzählung begibt sich nach dem Tod seines Vaters in einen Badeort an der italienischen Riviera, wo er viele Ferien in seiner Kindheit und Jugendzeit verbracht hatte. Für seinen Vater besaß dieser Ort eine magische Anziehungskraft – nicht wegen der Strände oder besonderer Unterhaltungsmöglichkeiten, sondern wegen eines dem Verfall preisgegebenen ehemaligen Grandhotels. Der Vater hatte sich berauscht an der luxuriösen Ausstattung und Vergangenheit dieses Gebäudes, das den Namen "Hotel Angst" trug nach seinem Erbauer Adolf Angst. Seine Ferien verbrachte der Vater damit, Pläne und Berechnungen aufzustellen, mit denen die ehemalige "Titanic" unter den mondänen Prachthotels einer versunkenen Welt zu neuem Glanz und Leben erweckt werden sollte. Sein bester Freund, ein alter Schulfreund und erfolgreicher Immobilienmakler an der Riviera, sollte ihm helfen, seinen Traum zu verwirklichen. Dessen Vorschläge, mit Blick auf die veränderten ökonomischen und sozialen Verhältnisse hinter der feudalen Fassade das Hotel in zeitgemäße Appartements aufzuteilen und diese zu verkaufen, verweigerte sich der Vater. Lieber verzichtete er auf die der heutigen Zeit angepasste Realisierung seines Traums, als diesen zu verraten. Seinen Traum aber gab er nie auf, auch wenn das Hotel mehr und mehr verfiel und die Familie an diesem Ort der Riviera nie wieder Ferien machte, nachdem die Wiederbelebung eines Hotelbetriebs schon rein rechnerisch sich als unrealistisch gezeigt hatte. Der Protagonist der Erzählung versucht, seinem Vater in diesem Traum zu folgen. Dabei entdeckt er, wie sehr sein Vater in einer phantastischen Welt gelebt und dort sich zu Hause gefühlt hatte. "Auf einmal fühltest du dich, als hättest du gerade entdeckt, daß dein Vater ein Doppelleben gelebt hat, daß er nicht der war, den du zu kennen glaubtest, sondern ein anderer, all die Jahre, ein Fremdgänger der Fiktion, dessen geheime zweite Existenz vielleicht sogar seine eigentliche war." Auch der Erbauer des "Hotel Angst", dessen Werk der Vater nachspürte, hatte einen Traum gelebt – ihn einst aber zu realisieren vermocht: "Um einen Traum lebendig werden zu lassen, muß man imstande sein, seine Einsamkeit zu durchbrechen, man muß das Phantastische in den Dingen aufspüren, die andere, unglaubliche Seite der Wirklichkeit, und sie zum Vorschein bringen. Adolf Angst besaß diese Gabe." Geschickt verwebt John von Düffel in seiner Erzählung die Bemühungen des Protagonisten, seinem Vater näher zu kommen, mit den Kindheitserinnerungen des Protagonisten, der Geschichte des Hotels, der Entdeckung und Entwicklung des Fischerorts zu einem europäischen Badeort und der Geschichte einiger seiner Gäste. Und immer durchzieht die Erzählung die Frage, wieviel Traum ein Mensch braucht und ob Träume, die sich verwirklichen lassen, den Menschen glücklicher machen als jene Träume, die man nicht "überlebt".
 

Hans-Ulrich Treichel, Tristanakkord, Suhrkamp
 

Treichel erzählt in Tristanakkord die Geschichte eines jungen Mannes, der neben seiner Arbeit an einer Doktorarbeit auch erste Gedichte schreibt und per Zufall die Gelegenheit erhält, für einen weltberühmten Komponisten Aufträge zu erledigen. Er erfährt durch die persönliche Nähe zu diesem Mann, den er auch auf dessen Reisen begleitet, die Diskrepanz seiner eigenen Persönlichkeit und Existenz zum Wesen und Leben jenes großen, ebenso weltläufigen wie pausenlos produktiven Mannes der Klangkunst und beginnt darüber an sich und seiner Befähigung zur Kunst zu zweifeln. Als der Komponist ihn bittet, für ein Musikstück einen hymnischen Text zu schreiben, ein Auftrag, der ihm die Chance eröffnet, über seinen Auftraggeber einen ersten Schritt in die Welt des künstlerischen Erfolgs zu tun, wird er mit der Versuchung konfrontiert, statt aus sich selbst, der eigenen als beschränkt und unzulänglich empfundenen künstlerischen Tiefe aus dem Fundus anerkannter, aber eben fremder Quellen zu schöpfen. Wer dieser Versuchung nachgibt, schmückt sich mit fremden Federn, macht sich also, wie es in künstlerischen wie auch wissenschaftlichen Kreisen heißt, eines Plagiats schuldig. Ob der Protagonist in Treichels Roman dieser Versuchung widersteht und wie sein Auftraggeber auf die ihm vorgelegte Lösung seiner Auftragsarbeit reagiert, das will ich hier nicht verraten.
 

Wolf Haas – und zwar alle seine bisherigen Veröffentlichungen ...
 

Den in Österreich geborenen und lebenden Autor entdeckte ich erst, nachdem der schon fast all das geschrieben und veröffentlicht hatte, was ich im Folgenden aufzähle. Fast alles davon wurde von mir inzwischen gelesen und aufgrund der bisherigen Erfahrung bin ich davon überzeugt, dass auch das, was an 'Lektüre' für mich noch aussteht, ebenso lesens- und empfehlenswert sein wird, weshalb ich ausnahmsweise hier pauschal sage: Es lohnt sich bei Wolf Haas, nicht nur das eine oder andere zu lesen, sondern alles. Und das sind bis heute nach meiner Kenntnis folgende 'Werke': "Auferstehung der Toten", "Der Knochenmann", "Komm, süßer Tod", "Silentium!", "Der Brenner und der liebe Gott", "Wie die Tiere", "Ausgebremst" – Der Roman zur Formel 1, "Das ewige Leben", "Das Wetter vor 15 Jahren" und "Brennerova". Insbesondere wer einmal einen seiner Krimis um den als Privatdetektiv arbeitenden Ex-Polizisten Simon Brenner gelesen hat (mit "Brennerova" fügt Haas dieser eigentlich schon als abgeschlossen erklärten Reihe eine weitere Geschichte hinzu) und Freude am typischen Wienerischen Schwarzen Humor hat, wird nicht aufhören wollen, bis er alle Brenner-Romane hinter sich hat. Einige davon wurden auch fürs Kino verfilmt, mit Josef Hader, dem in meinen Augen 'besten' deutschsprachigen Kabarettisten der Gegenwart, als Hauptdarsteller. Die Besetzung mit Hader ist schon deshalb gelungen, weil Blick, Witz und Sprache der beiden – der eine vor allem auf der Bühne, der andere in seinen Romanen – eine faszinierende Verwandtschaft aufzeigen. Es gibt viele gute Bücher und sicher auch viele gute Krimis, aber die Bücher von Wolf Haas sind für mich einzigartig und stehen ohne Vergleich mit anderen in der deutschsprachigen Literatur. Obwohl in Hochdeutsch geschrieben, bringt Haas die österreichisch-wienerisch gefärbte Sprache seines Protagonisten zur vollkommenen Anschauung. Fast habe ich Skrupel vor soviel Lobeshymnen, nur halte ich sie in diesem Fall für berechtigt.